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Webfonts - Darf ich schon?

Als ich Mitte 2008 das Promo-Video von Fonts.com gesehen habe, das überschwänglich die frohe Botschaft von Typo-Freiheit im Web verkündet hat, habe ich mich gefühlt wie eine Fünfjährige unter dem Weihnachtsbaum. Die Schriften müssen nun nicht mehr am Rechner des Users installiert sein! Endlich gestalten wie es mir paßt und nie wieder werde ich die schnöde Arial ansehen müssen. Die ausgeleierten alten Schriften werden in der Schriftsammlung weggesperrt und können dort ab jetzt Staub ansetzen.

Ernüchtert haben mich dann befreundete Programmierer. Auch wenn ich die Schriftfamilien bereits besitze, muss ich sie noch einmal in einem anderen Dateiformat kaufen. Die Ladezeit wird auch etwas verlangsamt und es funktioniert sowieso nur in den neusten Browsern. Ich schob die ablehnende Haltung Neuem gegenüber zuerst einmal auf die österreichische Mentalität. Fakt ist: Das ist nun schon über drei Jahre her, aber wir knabbern immer noch etwas an diesen "Problemchen". Obwohl diese sogenannten Hindernisse meiner Ansicht nach die Bezeichnung kaum verdienen, liegt die Hemmschwelle der Verwendung von Web Fonts meiner Erfahrung nach noch recht hoch.

Umso schöner ist der Moment wenn man zum ersten Mal mit einer selbstgewählten Schrift, die nicht aus der Mottenkiste kommt, gestalten „darf“. Oft fällt aber schnell auf, dass der Font irgendwie nicht so „crisp" ist wie im Screendesign und im schlimmsten Fall beim Lesen vor den Augen verschwimmt. Das liegt daran, dass die meisten Schriften natürlich nicht extra für den Bildschirm geschaffen, sondern im Nachhinein angepasst wurden. Wir haben uns daran gewöhnt, dass was wir fröhlich am Rechner designen am Ende etwas anders aussieht. Der Browser spuckt uns manchmal gerne in die Suppe. Um einen Font screenfähig zu machen muß viel Arbeit hineingesteckt werden.

Mittlerweile sind Typographen darauf spezialisiert Fonts eigens für die Darstellung auf Rechner-Bildschirmen und mobilen Endgeräten zu entwickeln. Die Azuro ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Von Georg Seifert entworfen und von Jens Kutilek gemastert, wurde das Bildschirmverhalten der Azuro bereits in der Entwurfsphase unter Mac-OS, Apple iOS und Windows ständig überprüft und getestet.

Längere Texte lassen sich dadurch leichter und für die Augen angenehmer lesen. Schön, auch die Lucida Grande und Verdana sind sehr gut lesbar und gratis dazu. Was die Azuro Schriftfamilie aber von ihren Kollegen abhebt, ist ihr besonderer Charakter. Der Buchstaben basieren auf humanistischen Formen und zeichnen sich durch leichte Unterscheidbarkeit der verschiedenen Lettern aus. Wer sich das kursive kleine „k“ und den langen Schweif des großgeschriebenen „Q‘s“ auf Fontshop.com ansehen möchte, weiß wovon ich spreche. Jedermanns Kaffee ist das natürlich auch nicht, aber jede charakterstarke Sache hat ja bekanntlich die Eigenschaft zu polarisieren. Als Corporate Font die Arial zu nehmen ist ja auch ziemlich nichtssagend.

Schriftvergleiche Webfonts

Zum Glück gibt es auch Web Fonts, die kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Man kommt dann aber schnell die Einsicht, dass kein Mensch so manchen der Gratisfonts auch nur geschenkt haben möchte. Man muss schon tief graben, um Perlen aus dieser Auswahl zu Tage zu fördern. Zumindest für kurze Texte und Headlines machen schöne Display-Fonts Spaß. Mein Herz schlägt für Leckerli und Lobster Two, die beide zu den Google Web Fonts zählen und somit gratis sind.

Lobster und Leckerli

Für Designer ist es manchmal immer noch ein Kampf den Kunden so weit zu bringen, dass er sich von Arial, Verdana, Times und Co. abwendet, um uns in die schöne neue Welt der Web Fonts zu folgen. Vielen Klienten ist ein Kauf der Schrift noch zu kostspielig, vor allem wenn man nach Klickraten bezahlen muss. Wenn die Hausschriftart bereits bezahlt wurde, ist es oftmals auch unverständlich, dass sie jetzt nochmal neu für das Web gekauft werden muss. Sehen die Schriften auf dem Monitor der Sekretärin auch noch plötzlich anders aussehen als im Entwurf, kommen selbst hartgesottene Designer in Erklärungsnot.

Zu argumentieren, dass Internet Explorer 6 „eh nicht mehr verwendet wird“ und „User, die den alten Browser verwenden eh gewohnt sind, dass das Internet hässlich ausschaut“ reicht oft nicht aus. Wichtig ist deshalb auch hier die Zielgruppe nicht aus den Augen zu verlieren. Ist die Altersgruppe höher, kann man davon ausgehen, dass eher auf älteren Browsern gesurfed wird. Dementsprechend sollte man auf die „sicheren“ Fonts zurückgreifen. Wird für eine bestimmte Berufsgruppe gestaltet, die viel in den neuen Medien unterwegs ist (Designer, Jugendliche, Studenten, Journalisten etc.) ist davon auszugehen, dass diese ihre Browser regelmäßig updaten und es kann etwas spannender zugehen.

Fazit ist: Das Web wird immer schöner. Das ist klar und nicht mehr aufzuhalten. Und auch die alteingesessenen Browser werden irgendwann geupdated.

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