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Backdrop vs. Drupal - die 257te

So, nachdem wir uns alle beruhigt haben ist es Zeit zu rekapitulieren, was hier passiert ist. Nate Haug und Jen Lampton haben beschlossen eine eigene Drupal Version, genannt Backdrop, abzuspalten und eigene Ziele damit zu verfolgen. Was können die Gründe sein, um jemanden zu so einer Verzweiflungstat zu treiben? Eine grobe Zusammenfassung, zusammengetragen aus diversen Diskussionen, der Website zum Projekt und dem Lullabot Podcast vom 20. September 2013:

Zurück zu alten Werten

Drupal ist im ständigen Wandel, aber noch nie waren die Veränderungen so tiefgreifend wie beim kommenden Wechsel zur Version 8. Die Integration des Symfony 2 Frameworks, oder besser die Rekonstruktion von Drupal auf Basis dessen, bringt eine Menge von Gedankenwelten ins Spiel, mit denen man als Drupal Developer bisher nur wenig zu tun hatte. Und wo gehobelt wird da fallen Späne. Viele gewohnte Konzepte wurden über Bord geworfen und die Migration von existierenden Webseiten und Contribution Space Modulen wird ohne Zweifel ein aufwändiges Unterfangen. Stimmen werden laut, dass die Leute die Drupal nutzen, weil es so funktioniert wie es funktioniert, auf der Strecke bleiben und zurück gelassen werden. Drupal 8 konzentriert sich stärker auf den Enterprise Markt und geschulte Entwickler und opfert dafür Intuitivität und Einsteigerfreundlichkeit.

Diesem Umstand will Backdrop entgegenwirken und eine Alternative für jene anbieten, die ansonsten ins Lager von Wordpress wechseln würden. Man plant sogar ganz gezielt diesen Kundenkreis anzusprechen. Weniger gravierende API Veränderungen, dafür schnellere Iterationen und Erweiterung von Features auf Basis einer gleich bleibenden prozeduralen Architektur. So sollen möglichst viele der Verbesserungen die mit Drupal 8 auf uns zu kommen auch für Backdrop portiert werden. Wichtig zu erwähnen ist jedoch dass Drupal 7 Module nicht automatisch Backdrop kompatibel sein werden - der notwendige Aufwand soll aber ungleich geringer sein als die Anpassung an Drupal 8.

Realitätscheck

In der Theorie klingt das gut. Eine light-Version von Drupal die die intuitive Architektur und die leicht erlernbaren Mechanismen erhält und nicht zugunsten des Geldes Rücksicht auf den Enterprise Markt nimmt.

Super Sache!

… wäre Drupal jemals intuitiv oder leicht erlernbar gewesen. Drupal ist aber vor allem eines: pragmatisch. Ich vergleiche es gern mit VIM - sitzt man einmal auf des Monsters Rücken kann man Berge versetzen, aber bis dahin trampelt es vor allem auf einem herum. Das fehlen von strikten Architekturen und die Möglichkeit praktisch alles im System mithilfe von ein paar Hooks und Template Overrides schnell zu verändern gaukelt Einsteigerfreundlichkeit vor. In der Realität ist aber sehr viel Erfahrung notwendig damit umzugehen, was letztendlich zum schlechten Ruf (ja, er ist wirklich schlecht) von Drupal führt. Schuld ist eine Unzahl an gescheiterten Projekten, deren Entwickler sich aufgrund der scheinbar einfachen Architektur heillos überschätzt haben. Vor nicht all zu langer Zeit habe ich mit einem Ruby on Rails Developer gesprochen, der auch in etwa diese Meinung von Drupal hat.

It's easy to kill, but hard to paralyze. And Drupal kills. It get's the Job done, but afterwards the project is dead, because nobody want's to touch it any more.

Und leider hat er recht. Field UI, WYSIWYG und Konsorten lassen Problemstellungen einfacher erscheinen als sie wirklich sind. Da werden für jede Gelegenheit wahllos Inhaltstypen erstellt und völlig unbedacht mit Feldern versehen und Templates mit Logik vollgestopft bis das Projekt einem Kartenhaus gleicht. Denn es geht ja so einfach. Ein Umstand, der zu vielen tragischen Totgeburten führt. Und das wiederum ist geschäftsschädigend für jene, die ersthaft mit dem System arbeiten wollen. Ja, ich bin wirklich der Meinung: die "Einsteigerfreundlichkeit" ist Drupals größtes Manko.

Darwin, übernehmen Sie!

In den richtigen Händen ist Drupal fähig unglaublich viel zu leisten. Im Zentrum der allgemeinen Wahrnehmung steht aber leider der Hobbyprogrammierer der irgendetwas baut, dass man in ein paar Monaten wegwerfen muss. Und Backdrop zielt darauf ab genau das zu erhalten.

Die aktuelle Situation vom Omega Base Theme ist denke ich durchaus vergleichbar. Mit Omega 3 war/ist es möglich ohne genauere Kenntnisse der Materie mobil optimierte Layouts zu erstellen. Mehr oder weniger. Sebastian Siemssen und Matt Smith haben Version 4 völlig umorientiert, setzen auf moderne Technologien, die nicht so einfach zu erlernen und ungewohnt, aber die richtige Wahl, sind. Zum Leidwesen derer die sich mit Omega 3 angefreundet hatten, aber zugunsten des allgemeinen Qualitätsstandards in Sachen Drupal Theming.

Niemand muss Omega 4 verwenden. Wir wollen es den Leuten nicht einfach machen, sondern zeigen wie es richtig geht.

Drupal hat sich immer schon verändert, und der fehlende Upgrade Path zwischen Major Releases ist der größte Vorteil des Systems. Denn nur so ist es möglich mit der Zeit zu gehen und sich von Altlasten zu befreien. Würde man versuchen jeden glücklich zu machen und auf sämtliche Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen würde sich Drupal nicht weiterentwickeln und, in einer Branche die das im Sekundentakt tut, unweigerlich sterben. Oder um es mit einem Zitat aus "The Walking Dead" zu sagen:

Fine. But if you’re going to stay, this isn’t a democracy anymore.

[backdrop]: http://backdropcms.org/ "Backdrop CMS"
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